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Vanja berichtet von der zweiten Schlafsack-Verteilaktion:
„Auf dem Weg zum Bahnhof treffen wir unsere neu gewonnenen Freunde, eine Gruppe von 7 Afganen. Wir haben sie vor ein paar Tagen in Park getroffen und ihnen Schuhe gekauft. Wir werden mit einem „Hallo my friends!“ begrüsst. Sie bedanken sich wieder ein mal für die Schuhe – wie jedes Mal wenn wir uns sehen.
Ich sehe von draußen eine Heizung und bin neugierig. Sie möchten uns diese zeigen und laden uns in die verlassene Halle ein, das neue Zuhause von 2000 Männern.
Samir ist misstrauisch, wie immer wenn ich alleine als Frau mit den Flüchtlingen rede. Ich selber habe keine Angst und habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber eigentlich bin ich froh, dass er so vorsichtig ist…
Wir gehen trotzdem mit, aber nur drei Schritte rein. Es ist dunkel drinnen und verraucht. Überall brennen kleine Feuer. Die Halle ist riesig und die Heizung nützt nicht viel. Sie erzählen uns vom Leben hier und möchten uns ihren Schlafplaz zeigen. Samir lehnt ab und zerrt mich raus. „Gibt es hier Kinder?“ Frage ich. „Jede menge!“ sagt einer.
Es wird auch draussen langsam dunkel und Samir möchte möglichst schnell die Schlafsäcke verteilen. Wir erzählen ihnen was wir vor haben und bitten die Menschen, in einer Reihe zu warten. Kaum ist das vollgestopfte Auto offen, ist die Schlange unglaublich gross. Es passiert in Minuten. Niemals werden wir allen gerecht, das weiß ich!
Aber wir werden jeden Tag Schlafsäcke verteilen, bis alle einen haben. Die Spenden kommen regelmässig rein und die Männer verstehen es, wenn wir sagen „tomorow“ – sie haben es ja bis jetzt überstanden.
Dann plötzlich ein Blick in Kinderaugen! O Nein, lieber Gott, Bitte nicht! Diese direkte Konfrontation zieht mir den Boden unter den Füssen weg. Der Kleine zittert. Er trägt nur eine dünne Jacke. Ich schaue drunter, nichts als nackte Haut. Er ist 11. Wir haben keine Schlafsäcke mehr. Wir stehen in einem Meer von Menschen und alle betteln „sleeping bag, please!“
Ich schaue zu Samir, er ist sehr angespannt. „Steig in das Auto!“ Sagt er. „Aber das Kind…!“
„Nicht jetzt, morgen!“
Ich steige ins Auto wie in Trance. Wir fahren durch die Menschenmenge. Samir öffnet das Fenster und versichert ihnen, dass wir morgen wieder kommen. Die weiteren 10 Minuten Fahrt schweigen wir. Die Tränen fließen von alleine. Er hält meine Hand und in diesem Moment fange ich an zu weinen. Laut. Mein Kind ist gleich alt! Ich bin einfach weggefahren!
„Ich verspreche dir, wir finden ihn morgen.“ Samirs Worte sind jetzt alles, woran ich mich festhalten kann.
Jetzt bin ich im Hotelzimmer und habe Zeit gebraucht, das zu verdauen. Warum ich euch über meine Gefühle schreibe? Ich möchte, dass ihr versteht, wie wir uns hier vor Ort fühlen. Welche Situationen wir erleben. Wie Glück und Leid hier verbunden sind. Und dann frage ich mich, was wäre wenn es euch nicht geben würde. Wenn wir diese Menschen treffen würden, aber nicht helfen könnten.
Viele von euch schreiben uns und bedauern, dass sie nicht vor Ort helfen können. Ich sage euch: ohne euch in der Schweiz und Deutschland könnten wir gar nichts machen!
Bitte bleibt mit uns, unterstützt kleine Vereine, die mit diesen Menschen auf der Balkanroute sind. Es braucht eine Balance und das haben wir alle zusammen in diesen ein und einhalb Jahren geschafft! Wir sind ein Team!“

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